Ein paar Gedanken
über die Tsunami-Katastrophe
im Indischen Ozean

— von Michael A. Schmiedel


"An Erdbeben ist niemand schuld."

165 000 Menschenleben soll der Tsunami am 26.12.2004 gekostet haben.  Unzählige mehr blieben trauernd, obdachlos, verletzt oder sonst wie getroffen zurück.

Und das alles nur wegen einer ganz natürlichen Ursache: Zwei Kontinentalplatten schieben sich übereinander, erzeugen dabei Spannungen, die bisweilen in einem größeren oder kleineren Ruck wieder entspannt werden. Für unseren Planeten ist das wirklich nicht sonderlich der Rede wert.

Kein Mensch kann etwas dafür, niemand trägt dafür die Verantwortung. Erdkrustenbewegungen gehören ganz normal zur Erde dazu, und ohne den warmen und flüssigen Erdmantel, auf dem die Kruste schwimmt, wäre Leben auf unserem Planeten gar nicht möglich.

Wir Menschen fügen uns so viel Leid gegenseitig zu, indem wir einander bekriegen, wirtschaftlich übervorteilen, uns nicht umeinander kümmern usw.. Die Erde aber ist kein denkendes und wollendes Subjekt, sondern ein Himmelkörper, und als solcher unsere Heimat, mit der wir zurecht kommen müssen, um auf ihr überleben zu können.

Wir beeinflussen die Ökosphäre der Erde immens mit unseren Landschaftsgestaltungen, unseren Abgasen und Abwässern. Die Stürme, die vor einigen Monaten über die Karibik und Florida jagten, sind teilweise von uns beeinflusst. Dafür sind wir mit verantwortlich, die wir nach und nach die Atmosphäre erwärmen. Ebenso an den auch bei uns in Europa immer häufiger auftretenden starken Stürmen. Aber an Erdbeben ist niemand schuld.

Und es gibt kein Mittel, ein Erdbeben zu verhindern. Eher wäre es noch möglich, einen heran jagenden Kometen abzulenken. Keine Technik, keine Einsatztruppe kann ein Erdbeben verhindern. Da sind wir vollkommen machtlos.

Erdbeben und Vulkanausbrüche können wir aber dank moderner Seismographie vorhersagen, vorausgesetzt, die notwenige Messtechnik ist an den richtigen Stellen platziert. Das aber war im Indischen Ozean nicht der Fall. Dafür tragen Menschen Verantwortung.

Auch ist es uns heute technisch möglich, Nachrichten in Sekundenschnelle an weltweit verteilte Empfänger zu verschicken, sofern die dazu notwendige Technik installiert ist. Das war in den Anrainerstaaten des Indischen Ozeans nicht der Fall. Auch dafür sind Menschen verantwortlich.

Auch ist es uns heute technisch Möglich, Häuser zu bauen, die zumindest nicht all zu starke Erdbeben unbeschadet überstehen, und Mauern, die Städte vor Tsunamis schützen. Auch das war dort alles nicht vorhanden. Wieder ein Fall, nicht wahrgenommener Verantwortung.

Es ist auch technisch möglich, in Frieden miteinander zu leben, statt Landschaften zu verminen, und es ist technisch möglich, vorhandene Minen zu beseitigen. Das aber wurde in Sri Lanka beides nicht getan, was nicht mehr nur als Fahrlässigkeit bezeichnet werden kann.

Jetzt konkret vor Ort in den betroffenen Gebieten ist technisch vieles nicht möglich, da die notwendigen Voraussetzungen nicht geschaffen wurden. Es mangelt an sauberem Wasser, an Medikamenten, an Zufahrtsstraßen, an funktionierenden Telefonverbindungen und was weiß ich, obwohl das alles da sein könnte, reich technisch gesehen.

Wer jeweils die Verantwortung für welchen Teilbereich trägt, vermag ich nicht zu sagen. Politiker, Wirtschafter, Touristen ... Ich wage zu sagen: Je mehr Geld und je mehr Macht jemand hat, desto mehr Verantwortung trägt er. Das ist keine Frage der Technik, sondern der Ethik.

Unser Bundeskanzler hielt eine ergreifende Neujahrsansprache. Ach, wenn es doch nicht nur Worte wären, die so schnell wieder verklingen.

Was ich auch an mir merkte: Je mehr mir ein Mensch oder eine Gegend persönlich bekannt oder gar lieb ist, desto mehr treffen mich die Nachrichten. Mein Neffe ist derzeit Tauchlehrer in Thailand. Und als ich hörte, dass er nicht in Gefahr war, war ich erleichtert und froh, trotz all des Leides, das mir unbekannte Menschen erleiden. Und als ich hörte, dass Galle, eine Stadt die ich mal besuchte und lieb gewonnen habe, so stark zerstört wurde, obwohl sie doch an der Westküste von Sri Lanka liegt, traf es mich mehr, als die Nachrichten aus anderen Gegenden. Ich denke, auch das ist natürlich, und wir müssen damit verantwortlich umgehen.

— Gedruckt mit der freundlichen Erlaubnis von Michael A. Schmiedel.