Br. David Steindl-Rast  

Sakramentales Leben:

„Zieh deine Schuhe aus!“

by Bro. David Steindl-Rast O.S.B.

Das Paradox bricht über uns herein, wenn wir diesem unvorstellbar anders Einem mitten in dem begegnen, was uns am vertrautesten ist.

Erlaubt mir mit einer Geschichte zu beginnen. Einige Einsichten unseres Menschenherzens sind so tief, dass nur eine Geschichte helfen kann, sie uns näher zu bringen und mit anderen zu teilen. Der grundsätzliche Sinn dessen, was wir mit abstrakten Worten „sakramentales Leben“ bezeichnen, ist eine von diesen tiefen Einsichten. Die Geschichte, welche ich ausgewählt habe, kommt aus der biblischen Überlieferung. Doch die darin ausgedrückten grundlegenden Einsichten gehören zum Schatz aller Religionen und finden sich auch in Erzählungen, welche aus Ost wie West überliefert sind.

Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

              Exodus 3, 1 – 6

Ist diese Geschichte schon zu geläufig geworden, um uns noch mit Ehrfurcht erfüllen zu können? Oder können wir die Kraft dieser Vorstellung wieder finden? Ein Busch in Flammen, doch unversehrt! Es ist eines von diesen Bildern, das einen bleibenden Eindruck im religiösen Geist während Jahrhunderten hinterließ, bleibend, weil er durch tägliche Erfahrung neu gestärkt wird. In ihrem unmittelbaren Zusammenhang steht die brennende Flamme inmitten des Wüstenstrauchs für die göttliche Gegenwart unter dem Gottesvolk, für den „Heiligen Israels“. Aber in einem allgemeineren Sinn ist dieser brennende, doch nicht verbrannte Dornbusch eine alltägliche  Sicht – alltäglich und trotzdem erstaunlich – für ein Herz, das Alles durch das göttliche Feuer entflammt sieht.

Wie umwerfend das Paradox ist, welches aus dem brennenden Dornbusch leuchtet, wird erst klar, wenn später Propheten dieses Bild in die Formel „das heilige Eine mitten in dir“ übersetzen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Heiligkeit hier nicht so sehr moralische Vollkommenheit als vielmehr Gottes unvorstellbares Anderssein meint. Das Paradox bricht über uns herein, wenn wir diesem unvorstellbar anders Einem mitten in dem begegnen, was uns am Vertrautesten ist.

Zwei Haltungen neigen dazu, uns für diese Begegnung blind zu machen: Weltlichkeit und Weltentrücktheit. Weltlichkeit sieht bloß den Strauch; Weltentrücktheit sieht bloß das Feuer. Aber zu sehen, mit den Augen des Herzens, eines inmitten des andern, das ist das Geheimnis von Sakramentalität. Wir werden dieses Geheimnis nie verstehen, solange wir danach im Zeugnis von jemand anderem suchen, unabhängig davon, wie erhaben jene Erfahrung gewesen sein soll. Das ist der Grund, weshalb ich sehr an Ihre eigene, einzigartig persönliche Begegnung mit dem „brennenden Dornbusch“ appellieren muss. Diese Augenblicke persönlicher Schau, in denen die gegebene Wirklichkeit verwandelt erscheint, werden in der Psychologie „Gipfelerlebnisse“ genannt. Wir alle haben solche Erfahrungen gemacht, aber gewisse Menschen sind wachsamer ihnen gegenüber als andere oder bereiter, sie zuzulassen. Gipfelerlebnisse sind immer ein Geschenk, eine Überraschung. Blitzschnell wird das Vorliegende in einem neuen Licht gesehen, das den Durst unseres Herzens nach dem letzten Sinn stillt. Obwohl ich wiederhole, dass ihr euch an eigene Gipfelerlebnisse erinnern müsst, um die Sakramentalität zu verstehen, lasst mich etwas nachhelfen, indem ich den Bericht eines Freundes, Don Johnson, zitiere:

Ich ging hinaus auf eine Mole im Golf von Mexiko. Ich hörte auf zu sein. Ich erfuhr mich als Teil des Windes, der von der See hereinkam, als Bestandteil der Bewegung von Wasser und Fischen, der Sonnenstrahlen, der Farben der Palmen und tropischen Blumen. Es gab keine Vorstellung mehr von Vergangenheit oder Zukunft. Und es war kein besonders seliges Erlebnis: es war furchterregend. Es war die Art ekstatischer Erfahrung, die ich mit einigem Aufwand an Energie zu vermeiden versucht hätte. Ich erlebte mich nicht als identisch mit Wasser, Wind und Licht, sondern als nähme ich teil am gleichen Bewegungssystem. Wir tanzten alle miteinander…(1) 

Das Schlüsselwort hier ist „Eins“. Ein Gipfelerlebniss ist ein Augenblick, wo wir alles „auf die Kurve kriegen“  wie man etwas salopp sagt. Alle diese Risse und Sprünge der Trennung, Polarität, Entfremdung, welche wir gewöhnlich erfahren, sind in einem Augenblick geheilt. „Wie eines Heiligen Schau von Seligkeit. Wie der Schleier der Dinge, wie sie uns erscheinen, von unsichtbarer Hand zurückgezogen. Für eine Sekunde siehst du… Für eine Sekunde gibt es Sinn…“ (2). Dies ist das Geheimnis, indem du entdeckst: alles hat Sinn. Und ein einziger Blick in dieses Geheimnis macht alles ganz. Das Geheimnis ist das Geheimnis von Sakramentalität, das Mysterium, dass das göttliche Leben sich durch alle Dinge vermittelt, genau so wie Sinn durch Worte vermittelt wird. Die zwei gehören zusammen, Sinn und Wort, Gott und die Welt. Die zwei gehören zusammen, ohne Wenn und Aber, sind untrennbar: Sinn und Wort, Gott und die Welt.

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